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Prof. Florian Beißner
Prof. Dr. Florian Beißner ist Professor für Systemische Neurowissenschaften und wissenschaftlicher Leiter des Insula-Instituts für integrative Therapieforschung in Hannover. Darüber hinaus ist er als Therapeut für sinosomatics in eigener Praxis tätig und bildet andere in diesem Therapieverfahren aus. Nach dem Physik-Studium an der TU München absolvierte er ein Aufbaustudium in Chinesischer Medizin an der Universität Porto. 2010 promovierte er an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit zur funktionellen Bildgebung des vegetativen Nervensystems. Nach Postdoc-Aufenthalten in Jena und an der Harvard Medical School habilitierte er sich 2014 für das Fach Systemische Neurowissenschaften. Kurz darauf wurde er an die Medizinische Hochschule Hannover berufen, wo er bis 2020 Stiftungsprofessor war. Er ist Autor von über 50 Publikationen und wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
Hauptvortrag:
HV02: „In die Hände legen“ – Neurowissenschaftliche Erforschung einer Embodiment-Technik zur Regulation emotionaler Erinnerungenltigungskompetenzen
Das „In die Hände legen“ ist eine Weiterentwicklung einer hypnotherapeutischen Intervention, die auf Ernest Rossi, einen Schüler Milton Ericksons, zurückgeht. In der Variante von Sinosomatics werden Patient:innen angeleitet, Gedanken, Emotionen oder Symptome symbolisch in ihre Hände zu legen. Dabei entstehen häufig leibliche Empfindungen wie Wärme, Schwere oder Spannung, die psychosomatische Zustände widerspiegeln oder als Zugang zu unbewussten, vorsprachlichen Bereichen der Psyche dienen können. Diese Empfindungen können durch therapeutische (Selbst-)Stimulation wie Massieren, Erwärmen oder Ausschütteln der Hände moduliert werden und bieten somit einen effektiven therapeutischen Zugang.
Um die leiblichen Phänomene des „In die Hände legen“ besser zu verstehen, haben wir ein Verhaltens- und ein fMRT-Experiment mit 30 gesunden Proband:innen durchgeführt.
Zunächst notierten die Teilnehmenden positive und negative autobiografische Erinnerungen, die später im Experiment reaktiviert wurden. In einer leichten Trance wurden sie gebeten, eine spezifische Erinnerung zu aktivieren, die damit verbundene Emotion verbal zu beschreiben und auf etablierten Skalen zu bewerten. Anschließend richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Körperempfindungen, bevor sie die assoziierte Emotion symbolisch in ihre linke Hand legten. Die Empfindungen hinsichtlich Gewicht, Temperatur, Größe und Präsenz des Arms sowie dessen gefühlte Zugehörigkeit zum Körper wurden erfasst. Daraufhin wurde die Hand mit einem Dermaroller stimuliert, und die Teilnehmenden wurden erneut befragt. Abschließend fertigten sie digitale Zeichnungen ihrer Empfindungen und ihres Körperschemas an.
Im fMRT-Experiment wurde ein ähnliches Design verwendet, wobei jede emotionale Erinnerung zweimal präsentiert wurde, um Veränderungen in der Intensität der Emotionen zu vergleichen.
Die Verhaltensdaten zeigen, dass das „In die Hände legen“ zu signifikanten Veränderungen der leiblichen Wahrnehmung der Hand und des Arms führt. Besonders auffällig waren starke Veränderungen des Körperschemas im Sinne einer Verkürzung des Arms, die vor allem bei negativen Erinnerungen auftraten. Vorläufige Ergebnisse des fMRT-Experiments zeigen zudem, dass die Intensität negativer Emotionen bei der Reexposition signifikant geringer war, wenn die Erinnerung zuvor in die Hände gelegt worden war, im Vergleich zu keiner Intervention.
Dieser Vortrag beleuchtet die theoretischen, phänomenologischen, sowie neurowissenschaftlichen Hintergründe dieser Technik und zeigt, wie sie als innovatives Werkzeug zur Regulation emotionaler Erinnerungen in der therapeutischen Praxis eingesetzt werden kann.
Workshop:
W102: Sinosomatics: Hypnotherapie trifft ostasiatische Heilkunde
Sinosomatics ist ein therapeutischer Ansatz, der das empirische Wissen der traditionellen ostasiatischen Medizin mit ausgewählten Elementen der westlichen Hypnotherapie verbindet. Die Vorsilbe sino steht dabei für die Einflüsse aus dem ostasiatischen Kulturkreis, zu denen die Stimulation des Körpers an bestimmten Punkten sowie traditionelle Konzepte zur Dynamik leiblicher Empfindungen gehören. Der Begriff somatics hingegen steht für alle therapeutischen Ansätze, die die eigene leibliche Wahrnehmung des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das Ergebnis dieser Verbindung ist weder Psycho- noch Körpertherapie, sondern eine vollständig integrierte Kombination aus beiden.
Ein besonderes Merkmal von sinosomatics ist die Verbindung mentaler Techniken mit gezielter somatosensorischer Stimulation. Durch das breite Spektrum möglicher Stimuli (Dermaroller, Stimmgabel, Akupunktur, Wärme, manuelle Techniken) kann die Modalität dabei eng an die Bedürfnisse und leiblichen Empfindungen der Patient:innen angepasst werden. Wird beispielsweise bei ideosensorischen Techniken, wie dem „in die Hände legen“, eine Hand als kälter wahrgenommen, können wir diese durch einen warmen Stein wärmen, was nicht selten zu tiefgreifenden Transformationen beim „behandelten“ Problem führt. Aber auch viele andere Techniken, wie Exposition, hypnotische Altersregression oder Metaphernarbeit profitieren sehr von der Kombination mit somatosensorischer Stimulation. Dies führt insbesondere bei traumabedingten und sog. psychosomatischen Problemen oft zu schnellen und nachhaltigen Therapieerfolgen.
In diesem Workshop möchte ich neben einer inhaltlichen Einführung vor allem qualitative und neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse der letzten Jahre zu sinosomatics vorstellen. Weiterhin werde ich das „In die Hände legen“ demonstrieren und die Teilnehmenden einladen, diese Technik am eigenen Leib zu erleben. Zuletzt werde ich unsere Ergebnisse zur Exposition bei gleichzeitiger somatosensorischer Stimulation („Bilder und Stimmen ausleiten“) vorstellen und welche faszinierenden Veränderungen die Patient:innen dabei erleben.
Symposium:
S054: Symposium: Was ist dran an der Polyvagal-Theorie und an der Kritik an ihr?
Damir del Monte, Florian Beißner, Antonia Pfeiffer & Gunther Schmidt, moderiert von Beverly Jahn
Die Polyvagal-Theorie wurde im Jahr 1994 von Dr. Stephen Porges beschrieben. Sie ist eine neue Theorie zur Funktionsweise des autonomen Nervensystems, also dem Teil des Nervensystems, der ohne unser aktives Zutun körperliche Vorgänge wie Atmung, Herzfrequenz und Verdauung steuert.
Seit ihrer Veröffentlichung erhielt die Polyvagal-Theorie mehr Aufmerksamkeit, als Stephen Porges es sich in seinen kühnsten Träumen je hätte vorstellen können. Vor allem Psychotherapeut*innen nutzen das Modell, um Patient*innen die komplexen Wechselwirkungen zwischen dem autonomen Nervensystem, sozialem Verhalten und emotionaler Regulation zu erklären. Viele Interventionen körperorientierter Trauma-Therapien basieren gar auf den Wirkweisen der von Stephen Porges beschriebenen Theorie.
Zugleich kritisiert eine Gruppe von Wissenschaftlern seit Jahren die neurowissenschaftlichen Prämissen der Polyvagal-Theorie. Dies hat Auswirkung auf den öffentlichen Diskurs: Bei Wikipedia gilt die Polyvagal-Theorie beispielsweise als „weitgehend widerlegt". Wir möchten uns in diesem Symposium mit der Diskrepanz der Popularität und der teils extremen Kritik beschäftigen und dabei folgende Fragen beantworten:
Was sind die zentralen Aussagen der Polyvagal-Theorie? Welche gelten als akzeptiert, welche werden angezweifelt?
Was sind die zentralen Kritikpunkte und Aussagen der Kritiker?
Was passiert, wenn man mit einem kritischen Blick zugleich auf die Theorie als auch auf die Kritik blickt?
Wo gibt es schlichtweg Missverständnisse? Warum wird der Diskurs bisweilen so feindselig geführt? Welche Themen berührt der Konflikt auf einer Meta-Ebene?
Wie kann ich als Praktiker*in die Theorie nutzen und zugleich fachlich Up-to-Date bleiben?
Ziel ist es, einen ehrlichen, freundlichen und fundierten Diskurs über die Schwächen und Stärken der Polyvagal-Theorie anzustoßen?